Viola Nicolaus & Peter Heubaum, Leiter der Schulstation "Landeplatz" der BIP Kreativitätsgrundschule Berlin-Karlshorst
BIP Mehlhornschulen: Liebe Frau Nicolaus und lieber Herr Heubaum, Sie beide leiten als Diplom-Sozialpädagogen die Schulstation Landeplatz der BIP Kreativitätsgrundschule Berlin-Karlshorst. Eine Schulstation dient als präventives Angebot vorrangig der Unterstützung und Entwicklung der Selbst- und Sozialkompetenz der Schüler und bringt sozialpädagogische Sichtweisen und Handlungsansätze in die Schule. Eine Schulstation bietet aber nicht nur den Schülern sondern auch den Pädagogen und Eltern einen geschützten Raum und einen vertrauensvollen Ort, um mit Ihnen über ihre Sorgen und Ängste zu sprechen.
Ihre Schulstation ist sehr beliebt und Ihr Rat gefragt. Sie haben im Durchschnitt allein 82 Besucher pro Woche. Welche Angebote halten Sie für die Schüler bereit?
Viola Nicolaus: "Grundlage unserer Arbeit ist das durchgehend niedrigschwellige Kontakt- und Gesprächsangebot, welches die Schüler innerhalb der Öffnungszeiten jederzeit nutzen können. Dieses dient dazu, uns und die Möglichkeiten der Schulstation kennen zu lernen und eine Beziehung und ein damit einhergehendes Vertrauensverhältnis zu uns aufzubauen. Geraten die Kinder dann in eine für sie schwierige Situation, fällt es ihnen leichter, uns anzusprechen. Dass dies funktioniert sehen wir daran, dass Schüler, welche die Schulstation öfter besuchen auch eher mit uns über ihre Probleme reden.
Kinder, die darüber hinaus Förderbedarf in ihrer sozial-emotionalen Entwicklung haben, bekommen bei uns einen regelmäßigen Termin. Nach Absprache mit den Eltern und den zuständigen Pädagogen beginnt die so genannte Einzelförderung. Es haben sich sogar schon Schüler selbst um eine Einzelförderung bemüht, weil sie aufgrund ihrer Erfahrungen mit der Schulstation gemerkt haben, dass ihnen die Gespräche bei der Bewältigung ihres Alltags helfen.
Darüber hinaus bieten wir in den Klassen Einheiten zum "sozialen Lernen" an. In Zusammenarbeit mit den Pädagogen werden die jeweiligen Schwerpunkte festgelegt und das Angebot auf den Bedarf der Klasse zugeschnitten."
BIP Mehlhornschulen: Wie arbeiten Sie in der Unterrichtsstunde "Soziales Lernen" mit den Schülern, um deren Selbst- und Sozialkompetenz zu steigern?
Peter Heubaum: "Das ist natürlich abhängig vom Alter der Schüler. Beim sozialen Lernen geht es darum, die eigenen Grenzen und die der Anderen besser kennen zu lernen, Regeln miteinander zu vereinbaren und einzuhalten, Konflikte zu bewältigen oder zu erkennen, was einem gut tut, und es hilft, sich in der Gruppe zurecht zu finden. Dies geschieht auf spielerische Art und ohne Zwang. Die Kinder machen Erfahrungen, über die wir im Anschluss sprechen.
In den ersten Klassen beschäftigen wir uns viel damit, die Kinder herausfinden zu lassen, was sie für sich brauchen, um gut in der Schule lernen zu können. Wir haben uns zum Beispiel ein Ritual für den Stundenanfang ausgedacht, bei dem die Kinder sich zunächst auf einem "Gefühlsbarometer" ihrer momentanen Stimmung gemäß einordnen. Im Anschluss darf jeder auch erläutern, warum es ihm gerade so geht. Dies ist ein wichtiger Lernschritt für die Schüler, die sich und ihre Gefühle so reflektieren lernen, aber eben auch mitbekommen, wie es den Mitschülern geht. Wir kommentieren die Äußerungen der Kinder nicht bewertend. Wir weisen aber darauf hin, dass "X" heute vielleicht lieber seine Ruhe braucht, weil er nicht gut geschlafen hat und "Y" heute ein bisschen Trost, weil sie traurig ist.
In höheren Klassen arbeiten wir gern mit Rollenspielen, um den Kindern deutlich werden zu lassen, wie Konflikte entstehen können, was sie zur Eskalation bringen kann und wie sie konstruktiv zu lösen sein könnten. Es geht hierbei nicht darum Konflikte generell zu verteufeln, sie gehören zum Leben dazu. Die Schüler sollen lernen, fair zu streiten und zu versuchen, sich auch in den Anderen hineinzuversetzen.
Bei uns lernen die Kinder auch, "nein" zu sagen, wenn ihnen etwas nicht gefällt oder ihnen unangenehm ist. Das ist z. B. Prävention im Hinblick auf Missbrauchssituationen."
BIP Mehlhornschulen: Warum ist aus Ihrer Sicht die Förderung von Selbst- und Sozialkompetenz so wichtig?
Viola Nicolaus: "Als Basis für ein zufriedenes und selbstbestimmtes Leben braucht man ein gesundes Selbstbewusstsein. Denn was macht eine starke Persönlichkeit aus? Sie zeichnet sich nicht unbedingt dadurch aus, dass sie alles weiß, alles kann und alles allein schafft. Vielmehr weiß sie, wo ihre eigenen Stärken liegen, wo sie an ihre Grenzen stößt und erkennt, ab wann sie Unterstützung benötigt. Sie wird sich die Hilfe dann auch holen, was eine besonders wichtige Selbstkompetenz ist. In unserer Gesellschaft wird dies fälschlicherweise oft als Schwäche interpretiert, ein Irrtum, den es aufzuklären gilt. Auch soziale Kompetenzen werden häufig lediglich mit der Fähigkeit zur Anpassung gleichgesetzt, die natürlich auch nötig ist. Aber es ist eben auch wichtig, sich an bestimmten Stellen abgrenzen zu können und nicht um jeden Preis zur Gruppe gehören zu wollen. Vor allem dann, wenn dies bedeutet, gegen Regeln verstoßen zu müssen oder gegen das eigene Wohlbefinden zu handeln. Gerade in einer pluralistischen Gesellschaft wie der unseren, braucht es starke und gleichzeitig sensible Menschen, die durchsetzungsfähig sind, aber eben nicht auf Kosten Anderer."
BIP Mehlhornschulen: Können Sie zwei Themen bzw. Problemstellungen beschreiben, mit denen Schüler am häufigsten zu Ihnen kommen?
Peter Heubaum: "Die Themen, mit denen die Kinder zu uns kommen, sind meist sehr komplex, werden also durch verschiedene Faktoren erzeugt oder beeinflusst und lassen sich daher auch nicht immer ganz leicht kategorisieren.
Ein sehr vielschichtiger Themenkomplex ist das Verhältnis der Schüler untereinander. Von Streitereien zwischen Freunden bis hin zur Ausgrenzung Einzelner innerhalb einer Klasse reicht da die Palette. Aber auch zu hoher Leistungsdruck, meist von Erwachsenen erzeugt, der sich in unangenehmen Konkurrenzverhalten niederschlägt, ist ein häufiger Grund für Schüler, uns aufzusuchen.
Ein weiterer Problembereich ist die häusliche Situation der Kinder. Die Trennung von Eltern, der Tod eines nahen Verwandten oder ein bevorstehender Umzug sind da zu nennen."
BIP Mehlhornschulen: Im Zentrum aller pädagogischen Intentionen und Interventionen steht bei uns die kreativ denkende und handelnde Persönlichkeit. Wie trägt die Schulstation zur Persönlichkeitsentwicklung, also dem "P" im BIP bei?
Viola Nicolaus: "Mit unserer Arbeit unterstützen wir die Entwicklung der sozial-emotionalen und der sprachlich-kommunikativen Dimension, zwei der fünf Dimensionen aus dem BIP Konzept. Wir erarbeiten mit den Schülern Strategien zur Erhöhung ihrer Frustrationstoleranz und zum Umgang mit Wut und Zorn. Sie entdecken, wo ihre eigenen Stärken liegen und wie sie diese in die Gruppe einbringen können. Wir bemühen uns immer um einen ressourcenorientierten Ansatz, d. h., dass wir schauen, was das einzelne Kind an Fähigkeiten mitbringt, um auf diesen aufzubauen. Außerdem finden bei uns besonders die Schüler einen Ort, die gerne ihren Gedanken nachhängen und dabei kreative Ideen entwickeln. In Interaktion mit uns formulieren, diskutieren und erproben sie, was sie sich zuvor ausgedacht haben. Ob nun in den oben erwähnten Pausengesprächen, in Einzelförderungen oder im sozialen Lernen, wir haben immer das Ziel, Kindern die Möglichkeit zur Entfaltung zu bieten. Gleichzeitig wollen wir erreichen, dass sie mit Einfühlungsvermögen, die Fähigkeit zur Perspektivübernahme und über das friedliche Bewältigen von Konflikten, achtsam mit sich selbst und Anderen umgehen lernen. Sie sollen erkennen, dass es Spaß macht, sich gegenseitig zu helfen und gemeinsam etwas zu bewegen."
BIP Mehlhornschulen: Gibt es etwas, dass Ihnen an den Kindern der BIP Einrichtungen besonders auffällt bzw. sie von anderen Kindern unterscheidet?
Peter Heubaum: "Diese Frage ist nicht so pauschal zu beantworten. Vorsichtig ausgedrückt stehen die Kinder hier bereits ab der ersten Klasse vor hohen Anforderungen, bedingt durch einen langen Schultag mit vielen wechselnden Personen und Fächern. Das führt manchmal dazu, dass sie die nötige Zeit nicht haben, sich erst einmal an das "zur Schule gehen" als neuen Lebensabschnitt zu gewöhnen. Auf der anderen Seite erhalten sie durch das Konzept viel Handwerkszeug, um ihre Ideen kreativ umsetzen zu können. Manche sind schon früh besonders selbstständig und die Meisten können sich auffällig gut ausdrücken."
BIP Mehlhornschulen: Mit welchen Anliegen kommen Pädagogen oder Eltern zu Ihnen?
Viola Nicolaus: "Anlass und Zeitpunkt zu welchen Eltern und Pädagogen uns aufsuchen ist individuell verschieden. Eltern kommen z. B. dann zu uns, nachdem ihr Kind zu Hause erzählt hat, dass es in der Klasse oft geärgert wird und es sich nicht traut, dies anzusprechen. Oder sie suchen uns auf, weil sie sich nicht sicher sind, ob sich die Entwicklung ihres Kindes in einem "normalen Rahmen" bewegt. Manchmal werden wir auch um Unterstützung gebeten, wenn die Kommunikation zwischen den Eltern und der Schule nicht ganz störungsfrei verläuft. Die Pädagogen haben häufig ganz ähnliche Beweggründe, die Schulstation aufzusuchen."
BIP Mehlhornschulen: Was ist Ihnen in der Zusammenarbeit mit Eltern und Pädagogen besonders wichtig?
Peter Heubaum: "Die Grundlage für eine gute Zusammenarbeit sind der gegenseitige Respekt und die Anerkennung der Arbeit des jeweils Anderen. Das gilt gleichermaßen für die Rolle der Eltern als Experten für ihre Kinder und ihre Lebenssituation. Idealerweise suchen uns Eltern und Pädagogen auf, bevor "das Kind in den Brunnen gefallen" ist. Das bedeutet auch, frühzeitig in einen (kollegialen) Austausch zu treten, um die eigene Arbeit und das eigene Handeln zu reflektieren. Dabei lassen sich neue Handlungsmöglichkeiten erarbeiten oder bestehende erweitern. Wir wollen den Eltern und Pädagogen weder ihre Kompetenz absprechen, noch ihnen ihre Position den Kindern gegenüber streitig machen. Wir wollen sie unterstützen und entlasten, und das geht immer nur gemeinsam. Die Kompetenzen, die wir den Kindern vermitteln wollen, müssen von uns auch gelebt werden, denn wirklich entscheidend für eine positive Entwicklung der Schüler sind immer die Vorbilder die sie umgeben."
BIP Mehlhornschulen: Herr Heubaum und Frau Nicolaus von der Schulstation Landeplatz leisten mit ihrer täglichen Arbeit und dem unermüdlichen Engagement einen wertvollen Beitrag für eine gesunde Arbeits- und Lernatmosphäre des Lebensortes Schule. Wir danken Ihnen an dieser Stelle herzlich!
Eine weitere Schulstation gibt es in der BIP Kreativitätsgrundschule Berlin-Friedrichshain.